Homöopathie in der Tierheilkunde

Eine Einführung

Für viele Tierhalter und Züchter ist es heute selbstverständlich, ihre Tiere homöopathisch zu behandeln, z.B. im Rahmen einer Notfallbehandlung. Häufig auch in Begleitung zu, im Anschluß an oder anstelle einer ärztlichen Behandlung. Tierhalter haben in unserer Zeit höchster Umweltbelastungen das Bedürfnis, alternative Heil-methoden anzuwenden, damit das kranke Tier durch Nebenwirkungen von Medikamenten nicht noch mehr belastet oder geschädigt wird. Wer diesen Weg einmal beschritten hat, wird ihn weiter gehen, denn, richtig praktiziert, unterstützt er unsere Tieren bei der Aktivierung der dem Organismus innewohnenden ureigenen Heilkräfte.

 Klinische Erfahrungen haben gerade bei chronischen Krankheiten gezeigt, daß die Behandlung mit schulmedizinischen Mitteln auf Dauer nicht ohne Nebenwirkungen zu erreichen ist. Hier bieten sich die Homöopathie und die Phytotherapie (Behandlung mit Heilkräutern) als sanfte Alternative an. Der Anstieg der chronischen Krankheiten bei unseren Tieren ist nicht zuletzt zurückzuführen auf die steigende Umweltver-schmutzung, Rückstände von Medikamenten und Insektiziden im Futter, massive Anwendung der „chemischen Keule" bei Ektoparasiten, verfrühte bzw. unnötige Therapie mit Antibiotika und Cortison , Erbkrankheiten wie HD usw.

 Mit der Homöopathie ist uns ein sehr breites Behandlungsspektrum an die Hand gegeben. Jeder Interessierte kann sich anhand der Fülle homöopathischer Fachliteratur informieren und schulen. Sehr empfehlenswert und leicht verständlich ist z.B. das Buch „Unsere Hunde gesund durch Homöopathie" von Dr. med. vet. H.G. Wolff, einem homöopathisch praktizierenden Tierarzt, (Johannes Sonntag Verlagsbuchhandlung GmbH, Regensburg).

 Kurzer geschichtlicher Exkurs:

Die Homöopathie geht zurück auf ihren Begründer Samuel Hahnemann aus Meißen/ Sachsen (1755-1843). Nach dem Medizinstudium arbeitete er als Arzt, Naturwissen-schaftler, Verfasser und Übersetzer von Standardwerken der Medizin, Chemie und Pharmazie. 1790 kam es bei der Übersetzung eines Standardwerkes der damaligen Zeit, der Arzneimittellehre des schottischen Gelehrten William Cullen, durch den sogen. Chinarindenversuch zur entscheidenden Wende in seinem Leben. Cullen vertrat in der Arzneimittellehre die Ansicht, daß die bittere Substanz Chinarinde magen-stärkend und damit kräftigend auf den Gesamtorganismus wirke, wodurch letztendlich das Wechselfieber, die Malaria, geheilt werden könne. Dieser Auffassung konnte sich Hahnemann nicht anschließen. Bei Versuchen mit anderen bitteren Substanzen hatte er keine Wirkung auf das Wechselfieber feststellen können. 

Er entschloß sich zu einem Selbstversuch. Über mehrere Tage nahm er die Substanz ein, beobachte gewissenhaft alle Symptome an sich und stellte fest, daß diese ziemlich genau denen entsprachen, die er während eines selbst durchgemachten Wechselfiebers erlebt hatte. „Similia similibus curentur – Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt" - war damit untermauert. Nach dieser Lehre Hahnemanns wären Arzneimittel in der Lage Krankheiten zu heilen, wenn sie beim Gesunden die der Krankheit ähnelnden Symptome hervorrufen könnten. Damals arbeiteten Mediziner hauptsächlich mit Schwitzkuren, Aderlassen und Medikamenten in toxischen Dosen. Es gab noch kein Fieberthermometer. Heute weiß man, daß die Chinarinde (Rinde verschiedener Arten des Chinarindenbaums Cinchona pubescens) ca. 30 Alkaloide enthält, insbesondere Chinin, das den Vermehrungszyklus des damals nicht bekannten Malariaerregers unterbricht. Es dauerte jedoch noch bis 1810, einem Weg voller Anfeindungen und intensivem literarischen und medizinischen Schaffen, bis er seine Lehre im „Organon der rationellen Heilkunde" vorlegen konnte. Das „Organon" enthält genaue Anleitungen zur Therapie nach der Ähnlichkeitsregel sowie Anweisungen zur Anamnese und Untersuchung des Patienten.. Auch unter Homöopathiekritikern ist unumstritten, daß er damit wichtige Beiträge zur modernen Medizin geleistet hat.

 Hahnemann führte zur Erprobung von Heilmitteln Arzneimittelprüfungen am Gesunden durch, deren Ergebnisse (Arzneimittelbilder) er in den 6 Bänden der „Reinen Arzneimittellehre" publizierte. Wie er haben auch seine Nachfolger Hunderte von Arzneimittel an Mensch und Tier überprüft und die „Arzneimittelbilder" stetig erweitert. Dieser Schatz der Homöopathie – die Materia medica - bildet die Basis jeder homöopathischen Therapie.

 Zurück zur Tierheilkunde. Wie kann der interessierte Laie Tiere behandeln, die sich nicht zu ihren Symptomen äußern können? Die Erfahrung lehrt uns, daß Tiere durch Homöopathie ebenso geheilt werden können wie Menschen.

 Die Homöopathie ist eine aktive Medizin, die den Organismus in seinem Bestreben nach Selbstheilung unterstützt. Unerwünschte Symptome werden nicht gewaltsam unterdrückt, sondern mittels natürlicher Stoffe geheilt, die ein der Krankheit sehr ähnliches Wirkungsbild haben. Homöopathie wirkt durch einen Heilreiz, den das „potenzierte" Ausgangsmaterial, von dem durch wiederholte Verschüttelung oder Verreibung zuletzt nicht einmal mehr ein Molekül sondern nur noch die Information verbleibt, im kranken Organismus setzt. Der Körper wird angeregt, seine Heilung wie im Falle einer Immunisierung selbst in Gang zu setzen. Sozusagen eine Wirkung von Energie auf die kleinsten Teile im Körper, die Zelle oder das „Feinstoffliche". Immer vorausgesetzt, daß das gewählte Mittel dem Krankheitsbild ähnlich ist. Tiere sprechen vorzüglich auf diese arzneiliche Heilweise an.

 Grundkenntnisse über Anatomie (Lehre vom Bau der Körperteile) und Physiologie (Lehre von den normalen Lebensvorgängen) des Tieres sind jedoch ebenso wie die Kenntnis der Arzneimittelbilder eine Grundvoraussetzung bei der Behandlung. Wenn wir dann noch auf die objektiven Symptome bzw. Erscheinungen achten, fällt die Wahl des entsprechenden Arzneimittels nicht mehr so schwer.

 Homöopathische Medikamente kann man nach ihrer Herkunft in folgende Gruppen einteilen:

 · Pflanzliche Arzneistoffe:

Blüten (Kuhschelle=Pulsatilla, Gänseblümchen usw.), Heilkräuter (wie Arnica, Kamille, Ringelblume=Calendula), Giftpflanzen (Tollkirsche, Stechapfel) usw.

· Tierische Arzneistoffe:

Insekten wie die Honigbiene=Apis mellifica, Meerestiere (Tintenfisch=Sepia) oder Reptilien wie die verschiedenen Giftschlangen (z.B. die Viper=Lachesis) usw.

 · Anorganische Arzneistoffe:

z.B. Metalle (Gold, Zink, Quecksilber etc.) und nichtmetallische Substanzen als reine Elemente oder in Verbindungen (z.B. Silbernitrat, Kaliumsulfat, Natriumchlorid)

 · Organische Arzneistoffe:

komplexe chemische Verbindungen wie Essigsäure, Nitroglycerin, Graphit usw.

 · Nosoden:

eine eigene Gruppe, die als Ausgangssubstanz sterilisierte menschliche und tierische Krankheitsprodukte wie Sekrete oder Gewebeteile (z.B. Ausfluß von Geschlechts-krankheiten, Bacillinum=Gewebe von TB-Kranken) oder Krankheitserregern enthalten (FVR-Nosode=virusbedingter Katzenschnupfen, Calici-Virus=RNS-Retroviren). 

Die derzeitige Materia medica umfaßt ca. 2000 Medikamente, und es kommen regel-mäßig weitere hinzu. Die homöopathischen Arzneimittel werden i.d.R. mit lateinischen Namen bezeichnet. Die Herstellung ist in Deutschland gesetzlich durch das Amtliche Deutsche Homöopathische Arzneibuch von 1978 (HAB 1) geregelt. Für die Herstellung von potenzierten Medikamenten gibt es drei verschiedene Methoden:

 · · Urtinktur: Preßsaft/Auszug mit flüssigem Arzneiträger (meist Ethanol) 

· · Dilution/Lösung: lösliche Substanz in flüssigem Träger (Ethanol/Wasser/Glycerin) · · Trituration: unlösliche Substanz, die mit Milchzucker verrieben wurde

> Globuli, Tabletten, Verreibungen

 weitere Darreichungsformen:

· · Ampullen, Salben, Nasen- und Augentropfen, Zäpfchen

 Potenzen:

D1 = 1:10 > Dezimalpotenz > 1 Teil Substanz mit neun Teilen Alkohol/Milchzucker

C1 = 1:100 > 1 Teil Wirksubstanz mit 99 Teilen Alkohol/Milchzucker

LM = 1:50 000

 Dezimalpotenzen werden mit D vor der Zahl gekennzeichnet (im Ausland mit x: Arnica 6x), C-Potenzen nur durch die Zahl: Arnica 30.

 

Tiefpotenzen:

Urtinktur 0 bis D6 (C1 bis C6) Angezeigt bei Notfällen, organischer Vorschädigung. Anwendung ist begrenzt, deutliche Erstverschlimmerungen möglich!

Mittlere Potenzen

D7 – D24 (C7 bisC24) Nehmen eine Zwischenstellung ein, bei sehr toxischen (z.B. Quecksilberverbin-dungen=Mercurius solubilis, Sturmhut=Aconit(um) napellus) erst ab dieser Potenz einsetzbar

Hochpotenzen

etwa ab D30 (C30) bis unendlich

Chronische Erkrankungen, funktionelle und psychische Störungen

Vorsicht, Anwendung gehört in die Hände eines erfahrenen Therapeuten, da sie nicht unproblematisch und von sehr langer Wirkdauer ist.

Q- bzw. LM- Potenzen

Nehmen eine Sonderstellung ein, gehören ebenfalls in die Hände eines erfahrenen Heilpraktikers/Therapeuten. Bei chronische Krankheiten, in Begleitung allopathischer (=schulmedizinischer) Behandlung

Die Stärke (Potenz) des homöopathischen Arzneimittels richtet sich nach seinem Verdünnungsgrad: je verdünnter die Arznei, desto stärker wirkt es bei passendem Arzneimittelbild. Je weniger also von der Ursprungssubstanz enthalten ist, desto stärker ist die Heilkraft des Mittels!

 Die Dosis ist immer die gleiche, unabhängig von der Größe des Tieres. Obwohl die meisten homöopathischen Arzneimittel heute ein Verfallsdatum tragen, sind sie bei sachgemäßer Lagerung (trocken, dunkel, geruchsneutral) unbegrenzt haltbar.

 Vorgehen im Krankheitsfall (kleines Handbuch anlegen):

 · · Fallaufnahme

Symptome und Zeichen am Tier:

in welchem Zusammenhang trat es auf?

Wo ist das Symptom lokalisiert?

Wie äußert es sich?

Erscheinungsbild

Wodurch wird es verbessert/verschlechtert?

Umstände (das Umfeld)

Wann (Uhrzeit) trat es auf

Unfall, spontan

 

· · Arzneimittelwahl und Verordnung (Häufigkeit und Uhrzeiten)

 · · Nachbeobachtung

· · Verabreichungsformen

Tablette/n zwischen 2 Teelöffeln zerpulvern und ablecken lassen

alternativ Pulver auf ein Stückchen Papier und dann auf die Zunge schütten

Pulver mit feuchter Fingerbeere auftupfen, auf Zunge/ Zahnfleisch streichen

Arznei in Milch oder Wasser anbieten

Arznei sollte über die Schleimhäute im Rachenraum aufgenommen werden

 Bei akuter Erkrankung/im Notfall ist die Potenzhöhe von sekundärer Bedeutung – jede Potenz hilft sofern es das Mittel der Wahl ist! Akute Krankheiten benötigen häufigere Heilanstöße, je nach Dringlichkeit ¼-1/2 bzw. 1 bis 2-stündliche Gaben 3 bis 5 x pro Tag. Bei einsetzender Besserung Abstände verlängern, in der Folge 3 x täglich und mit zunehmender Stabilisierung „ausschleichen". Aus Sicherheitsgründen länger zu behandeln ist sinnlos. Bei weniger akuten Krankheiten reichen 2 - 3 Gaben täglich für einige Tage.

Chronische Krankheiten benötigen den Anstoß höherer Potenzen 1–2 x pro Tag über einen längeren Zeitraum und machen oft eine lebenslange Therapie notwendig.

 Es ist selbstverständlich, daß bei schweren Erkrankungen der Tierarzt hinzugezogen werden muß! Die homöopathische Therapie ist kontraindiziert bei akut lebensbedroh-lichen Zuständen, operationsbedürftigen Befunden und zerstörerischen Prozessen.

 Wenn Sie sich eine Haus-, Reise- oder Taschenapotheke anlegen oder anschaffen möchten, können Sie diese über Ihre Apotheke oder verschiedene Hersteller direkt beziehen. Sie können die gewünschten Medikamente auch selber zusammenstellen:

 Haus-/Reiseapotheke:

Die ideale Haus-/Reiseapotheke enthält 60 wichtige Arzneien, 60 x 1,5 g, Standardausführung Globuli D3 bis D30, alternativ C30 mit einigen Hochpotenzen C200. Hausapotheken mit den 30 „Notfallmitteln" und den 30 Polychresten (die 30 häufigsten homöopathischen Arzneien wie z.B. Pulsatilla=Küchenschelle) in mittleren Potenzen sind zum Preise ab ca. DM 190,- zu bekommen.

 Taschenapotheken:

Taschenapotheken enthalten zwischen 36 und 48 wichtige Arzneimittel, 36 bzw. 48 x 1,5 g Globuli. Von der Staufen-Pharma Göppingen kosten sie je nach Ausführung des Etuis (Leder, Synthetik) ab DM 150,-.

 Einzelmedikamente wie Komplettausstattungen sind rezeptfrei in Ihrer Apotheke von der DHU oder anderen Anbietern zu erhalten.

 Einige Notfallmittel (mit Hinweis zum Arzneimittelbild):

 Aconitum napellus (Sturmhut)

Markiert den Beginn einer Erkrankung, die einen schnellen Verlauf nimmt und plötzlich mit hohem Fieber einsetzt. Nimmt der Krankheit die Spitze.

Apis mellifica (Honigbiene)

Schmerzen so heftig stechend und brennend wie der Stich einer Biene, mit der typischen Ödembildung (=Wasseransammlung) im Gewebe

 Arnica (Bergwohlverleih)

1. Hilfe bei Unfällen. Wichtig bei allen frischen und verschleppten Verletzungen, kann bei offenen Wunden und/oder unverletzter Haut verabreicht werden. Operationsvor- und Nachbereitungsmittel der 1. Wahl zur Förderung der Wundheilung und Verhütung möglicher Nachblutungen. Am besten einmalige Gabe von C30 oder C200. 

Sollten dennoch starke Schmerzem am Operationsschnitt auftreten, gibt man ergänzend Staphisagria in C12 oder C30.

Äußert sich der Schmerz nach den Arnica-Gaben durch gereizte oder verletzte Nerven im Operationsgebiet heftig und ziehend, so ist Hypericum in der C30 oder C200 Potenz anzuwenden.

Bei verzögerter Wundheilung durch Entzündung können Sie unterstützend Calendula-Tropfen in D6 2x täglich für 3-6 Tage einnehmen.

 Arsenicum album (weißes Arsen)

Wirkt auf alle Organe, regt den Stoffwechsel an. Nicht zu Beginn einer Krankheit anwenden, sondern erst bei einsetzendem Kräfteverfall.

 Belladonna (Tollkirsche)

Mittel gegen Entzündungen aller Art. Nur während der Krise=Krankheitshöhepunkt einsetzbar, vorher/nachher hat es keine Wirkung.

Gutes Folgemittel von Aconitum, jedoch nicht zugleich verabreichen. Läßt sich gut mit Lachesis kombinieren. 

Des weiteren Berberis vulgaris (Sauerdorn), Bryonia alba (Zaunrübe), Cactus (Königin der Nacht), Cantharis (Spanische Fliege), usw. bis zu Urtica urens (Brennessel) und Veratrum album (weißer Germer)

 Zu jedem Arzneimittel sind die genannten Leitsymptome vor der Verabreichung auf ihr Ähnlichkeitsprinzip zum vorliegenden Fall genau zu überprüfen. Aber keine Sorge, sollte das erste Mittel einmal nicht „passen" wie der Homöopath sagt, dann wählen Sie nach genauester Prüfung der Symptome und Umstände erneut. Bei sachgemäßer Anwendung können die Mittel keine Vergiftung verursachen.

 Viel Erfolg!

 Literaturangaben:

Wolff, H.G.: Unsere Hunde gesund durch Homöopathie, Regensburg: Sonntag, 1985.

Macleod, G.: DOGS: Homeopathic Remedies, Saffron Walden, U.K.: Daniel Co., 89.

Hahnemann, S.: Organon der Heilkunst, >>Aude sapere<<, Heidelberg: Haug, 1999.

Hahnemann, S.: Reine Arzneimittellehre, Band 1, Heidelberg: Haug, 1995.

Deutsche Homöopathie-Union, Karlsruhe, 1999.